
28.09.2026 / Alexander Otto
Grönland fotografieren: Zwischen Eisbergen, Walen und weiten Fjorden

Eine fotografische Reise durch Ostgrönland mit dem TAMRON 50-400mm F4.5-6.3
Wie Popcorn klingt das Eis, das unter dem Aluminiumbug unseres Bootes langsam zur Seite geschoben wird – ein geradezu surreales Geräusch. Währenddessen scheint die grönländische Sonne aus stahlblauem Himmel auf uns herab. Ich setze mein Teleobjektiv an und blicke durch den Sucher auf einen fantastisch geformten Eisberg, der sich nur wenige hundert Meter vor mir befindet. Dahinter erstreckt sich ein gewaltiges Panorama aus schroffen, bis zu 2.500 Meter hohen Bergen.
Ich drücke ab, schaue auf mein Display, überprüfe mein Histogramm – und langsam gehen meine Mundwinkel nach oben. Ich habe es geschafft. In diesem Moment erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum: Grönland zu fotografieren. Seit Jahren begleite ich Fotoreisen in den hohen Norden. Doch es sind vor allem die abgelegenen Regionen, die mich faszinieren und mein Fotografenherz höherschlagen lassen.

Grönland fotografieren: Warum mich Ostgrönland seit 15 Jahren fasziniert
Der Weg zu diesem Moment begann lange vor unserer Ankunft. Seit rund 15 Jahren fasziniert mich Grönland. Damals entdeckte ich die Region um Tasiilaq erstmals auf Google Earth Pro und verlor mich geradezu in der Landschaft an der Ostküste rund um die Insel Ammassalik und die umliegenden Fjorde. Über die Jahre las ich Bücher über Grönland und folgte Fotografen, die bereits das Glück hatten, dorthin reisen zu dürfen. Mein Wunsch, diese Landschaft endlich selbst zu erleben, wurde dadurch natürlich nicht kleiner.
Die majestätischen Berge, Eisberge und Fjorde, die Kultur der Inuit und ein Leben unter arktischen Bedingungen machen Ostgrönland zu einem fotografisch einmaligen Ort. Im Sommer können stabile Hochdrucklagen für klares Licht sorgen – gleichzeitig bleibt das Wetter in dieser abgelegenen Region ein Faktor, auf den man sich jederzeit neu einstellen muss.

Fotografieren vom Boot: Flexibilität statt Fußzoom
Doch wie komme ich ohne Straßen von Fjord zu Fjord? Nicht ohne Grund hatte ich meine Fotoreise mit den Worten „Dorthin, wo es keine Straßen mehr gibt“ beworben. Wer sich in Ostgrönland fortbewegen möchte, tut dies im Sommer vor allem mit dem Boot oder zu Fuß. Vom Boot aus ist man bei der Wahl der eigenen Position naturgemäß deutlich eingeschränkter als an Land.
Entsprechend praktisch ist ein Objektiv, das einen großen Brennweitenbereich abdeckt. Genau deshalb hatte ich mein TAMRON 50-400mm F4.5-6.3 im Rucksack – ein Objektiv, das ich über die vergangenen anderthalb Jahre wirklich liebgewonnen habe. Vor allem aus einem einfachen Grund: Ich muss nur selten das Objektiv wechseln und konnte auf einen zweiten Kamerabody verzichten. Bei einer Handgepäckbegrenzung von 6 kg auf dem Flug nach Kulusuk war das ein echter Vorteil.
Weitere Überlegungen zu einer kompakten Ausrüstung findest du in unseren Tipps zur Reisefotografie.
Fototipp 1 – flexibel bleiben: Wenn du deinen Standort nicht frei wählen kannst, ist ein großer Brennweitenbereich besonders wertvoll. Vom Boot aus konnte ich zwischen weiten Umgebungsaufnahmen, Details im Eis und weit entfernten Motiven wechseln, ohne dabei Zeit durch einen Objektivwechsel zu verlieren.

Eisberge und Gletscher fotografieren: vom Überblick zum Detail
Im Vergleich zu einem klassischen 100-400mm stehen mir am kurzen Ende zusätzliche 50 mm zur Verfügung. Das erweitert die fotografischen Möglichkeiten in der Praxis erheblich. Gerade vom Boot aus, wo ich meine Position nur eingeschränkt verändern kann, decke ich damit sehr unterschiedliche Kompositionen ab: von der Landschaft im Kontext bis zu abstrakten Details in Eis und Fels.
Warum längere Brennweiten nicht nur bei Tieren und Sport, sondern auch in der Landschaft spannend sind, erklären wir außerdem im Beitrag Was ist ein Teleobjektiv?.

Wale fotografieren: zwischen 50 und 400 mm reagieren
Besonders deutlich wurde der Vorteil des großen Zoombereichs, wenn wir in einem der Fjorde einen Wal entdeckten. Meistens fanden unsere Skipper Buckel- oder Zwergwale. Sie besitzen ein beeindruckend geschultes Auge und erkennen oft schon aus großer Entfernung, wo ein Tier auftaucht Die Jagd auf bestimmte Walarten ist in Grönland reguliert und an Quoten sowie Lizenzen gebunden; für viele Menschen gehört sie weiterhin zur lokalen Versorgung.
Fotografisch sind solche Begegnungen eine Herausforderung, denn bei Walen weiß man nie genau, wo sie nach einem Tauchgang wieder auftauchen. In einem Moment fotografiere ich vielleicht mit 300 oder 400 mm, im nächsten taucht das Tier unmittelbar neben unserem Boot auf – und 50 mm sind plötzlich sehr willkommen. Genau in solchen Situationen habe ich die Flexibilität des Objektivs besonders zu schätzen gelernt.
Fototipp 2 – nicht an 400 mm festhalten: Bei unberechenbaren Motiven lohnt es sich, etwas Luft im Bild zu lassen und bei Bedarf heranzuzoomen. Taucht ein Wal näher am Boot auf als erwartet, helfen 50 mm dabei, schnell zu reagieren und das Tier zusammen mit seiner Umgebung zu zeigen.
Weitere Grundlagen zu Autofokus, Brennweite und respektvollem Verhalten bei Wildtieren findest du in unseren Tipps zur Tierfotografie.

Landschaftsfotografie mit Tele: Bildebenen gezielt verdichten
Mindestens ebenso wichtig wie die schnelle Reaktion auf Tiere ist bei längeren Brennweiten die Möglichkeit, Landschaftselemente optisch eng aufeinander zu beziehen zu können. Ein schönes Beispiel bot sich während einer Bootstour auf dem Sermilik-Fjord. Dort fotografierten wir den Berg Niialingaq hinter einem mehrere hundert Meter großen Eisberg, der von einem Gletscher abgebrochen und nach Süden gedriftet war.
Durch die Abstimmung mit unserem Skipper konnten wir das Boot so positionieren, dass Eisberg und Berg im Bild genau hintereinanderlagen. Der Eisberg war nur einige hundert Meter entfernt, der Berg im Hintergrund bereits mehrere Kilometer. Aus unserer größeren Aufnahmedistanz wirkten beide Ebenen optisch zusammengerückt; die lange Brennweite ermöglichte mir, diese Beziehung mit einem engen Bildausschnitt abzubilden.

Diese Art der Bildgestaltung setzte ich auch in Tasiilaq und während unseres Ausflugs nach Tiniteqilaaq ein. Brennweiten um 100 mm oder darüber waren häufig genau die richtige Wahl, um Häuser, Berge, Fjorde und Eisberge miteinander in Beziehung zu setzen. Mehr über das Zusammenspiel von Aufnahmestandpunkt, Bildwinkel und Perspektive erfährst du im TAMRON-Ratgeber Brennweite und Bildwirkung.
Fototipp 3 – erst Ebenen ordnen, dann zoomen: Die verdichtete Bildwirkung entsteht vor allem durch den Aufnahmestandpunkt und die großen Entfernungen zwischen den Motivebenen. Suche zuerst eine Position, an der Vorder- und Hintergrund sinnvoll zusammenspielen. Mit der langen Brennweite wählst du anschließend den passenden Ausschnitt.
Fototipp 4 – Polfilter bewusst einsetzen: Ein Polfilter kann Reflexionen auf Wasser und Eis reduzieren und den Himmel kräftiger erscheinen lassen. Prüfe die Wirkung direkt im Sucher und drehe den Filter nur so weit, wie es zur natürlichen Lichtstimmung passt.
Weitere Ideen zu Licht, Planung und Bildkomposition findest du in unseren Tipps zur Landschaftsfotografie.

Schlittenhunde fotografieren: Nähe mit Respekt
Natürlich eignet sich das Objektiv auch für Porträts der grönländischen Schlittenhunde. Sie sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der lokalen Kultur. Gerade im Winter, wenn die Fjorde zufrieren, werden Hundeschlitten in abgelegenen Regionen weiterhin als Transportmittel eingesetzt. Im Sommer leben viele der erwachsenen Hunde außerhalb der Ortschaften auf dafür vorgesehenen Plätzen. Es sind keine Haustiere in unserem mitteleuropäischen Verständnis, sondern Arbeitstiere.
Wenn man die Hunde fotografiert, muss man mitunter auch mit dem eigenen Mitleid umgehen. Abends, auf dem Weg zu einem Sonnenuntergangsshooting, kommt man an den außerhalb der Ortschaft gelegenen Hundeplätzen vorbei. Wenn die Tiere dort im Zwielicht jaulen, ist das aus unserer mitteleuropäischen Perspektive durchaus gewöhnungsbedürftig. Auch dieser Eindruck gehört für mich zu einer Reise nach Ostgrönland.
Warum Ostgrönland mich nicht mehr loslässt
Vielleicht ist es gerade die Mischung aus grandioser Landschaft, vollkommen anderen Lebensbedingungen, Begegnungen mit Menschen und Tieren und der Gewissheit, dass hinter der nächsten Biegung des Fjords schon wieder etwas völlig Neues warten kann, die diesen Ort für mich so besonders macht.
Ich freue mich schon darauf, wieder im Spätsommer nach Ostgrönland zurückzukehren. Es warten noch so viele Bildideen auf ihre Umsetzung, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Über den Autor: Alexander Otto

Alexander Otto ist Landschaftsfotograf, Buchautor und Fotoguide. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen außergewöhnliche Landschaften und das Zusammenspiel von Licht, Wetter und durchdachter Bildkomposition. Seine Erfahrungen gibt er in Büchern, Vorträgen, Workshops und auf Fotoreisen weiter.
In diesem Beitrag erwähnte TAMRON-Produkte
50-400mm F/4.5-6.3 Di III VC VXD
Modell A067

