Dark and Moody Food Photography

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Dark and Moody Food Photography

Perfekt ausgeleuchtete, akkurat gestylte Studioaufnahmen von knackigem Salat oder glänzenden Tomaten kennen wir alle, zum Beispiel aus der Werbung oder von Lebensmittelverpackungen. Seit einiger Zeit gibt es aber einen neuen Trend in der Food Photography, der immer mehr Verbreitung findet: Die Fotos sind dunkel mit stimmungsvollen Lichtakzenten auf der Speise und spannenden, rustikalen Texturen, sie wirken ehrlich, spontan und auf eine ansprechende Art etwas düster und schäbig, als würde man gerade an einem alten Eichenholztisch im Hinterzimmer einer italienischen Trattoria mit dem Padrone zu Abend essen. Für diese Art der Fotografie gibt es mehrere Bezeichnungen: Dark&Moody, Mystic Light oder auch Chiaroscuro, ein italienischer Begriff, der ursprünglich aus der Malerei kommt und „hell-dunkel“ bedeutet. Er steht für einen starken Hell- Dunkel-Kontrast wie bei den Gemälden von Caravaggio oder Rembrandt, der eine intensive, oft dramatische Stimmung erzeugt.

So ungeschliffen und rustikal diese Fotos auch wirken, so sind sie doch seltenst ein spontaner Schnappschuss und bedürfen spezieller Strategien bei der Wahl der Accessoires, beim Food Styling, beim Fotografieren und bei der Bildbearbeitung. Ein paar Tipps soll dieser Artikel liefern.

Props, Accessoires, Hintergründe

Die Wahl der sogenannten Props, also Fotoaccessoires wie Teller, Tücher oder Besteck, ist bei der Mystic Light Photography enorm wichtig. Da es uns darum geht, den Hintergrund dunkel zu halten und den Fokus ganz auf das Gericht zu legen, wählen wir dunkle Accessoires in gedeckten Farben. Das Auge fixiert als erstes meist den hellsten Bereich auf einem Bild und das sollte unser Essen sein.

Dann sollte das Geschirr möglichst gebraucht und authentisch wirken, gerne eine Spur schäbiger, als wir es im Alltag noch als appetitlich empfinden würden. Fündig wird man hier auf dem Flohmarkt, bei Online-Auktionshäusern oder auf Omas Dachboden. Gerne können die Accessoires dem Auge interessante Strukturen bieten, wie leicht rostiges Metall, das noch etwas Licht auffängt oder grob gewebtes Leinen.

Als Hintergrund ist verwittertes Holz optimal, zum Beispiel eine alte Tischplatte vom Sperrmüll oder die ausrangierte Tür vom Gartenhäuschen. Mit ein wenig Geschick, Holzbeize und einer Reibe kann man auch einen neuen Regelboden aus dem Baumarkt antik aussehen lassen. Oder man wählt ein großes altes Backblech mit leichten Rostspuren als Hintergrund, das mit seinem metallisch-bläulichen Schimmer einen schönen Kontrast zum meist wärmer gefärbten Essen darstellt.

Foodstyling

Bei der Dark&Moody Food Photography möchten wir auf keinen Fall, dass das Gericht künstlich und steril wirkt. Vielmehr sollte man meinen, man könnte sich sofort mit an den Tisch setzen und zugreifen. Dazu tun wir genau das mit unseren leckeren Models: zugreifen. Über den Tisch verteilte Krümel, zerknitterte Servietten, benutztes Besteck und halb aufgegessene Speisen erzeugen Lebendigkeit. Dabei sollte man es allerdings auch nicht übertreiben, sonst sieht es schnell nicht mehr appetitlich aus. Kontrolliertes Chaos ist hier die Devise.

Equipment und Setting

Für die Food Photography empfiehlt es sich in den meisten Fällen, mit Stativ zu arbeiten. Bei schlechteren Lichtverhältnissen muss man dann nicht die ISO-Empfindlichkeit erhöhen, was zu Bildrauschen führen kann, sondern man verlängert einfach die Belichtungszeit. Bei sehr langen Belichtungszeiten helfen ein Fernauslöser oder der in der Kamera integrierte Timer gegen ein Verwackeln beim Auslösen. Manuelles Fokussieren sorgt für die perfekte Schärfe genau da, wo man sie haben will - den Luxus kann man sich bei Food leisten, da es (bis auf Eiscreme vielleicht) nicht wegläuft und wunderbar still hält.

Mein Objektiv der Wahl für Food Shootings ist das Tamron 90mm F/2.8 Di VC USD MACRO. Es ist rasiermesserscharf bei einem wunderbar cremigen Bokeh und holt die Speisen schön nah ans Auge heran. Gleichzeitig erlauben es die 90mm Brennweite, auch bei etwas beengteren Platzverhältnissen oder beim Fotografieren aus der Vogelperspektive noch alles auf’s Bild zu bekommen. Die Offenblende von F/2.8 ermöglicht ein stimmungsvolles Spiel mit der Schärfentiefe, wobei ich für eine optimale Schärfe empfehle, um ein bis zwei Stufen abzublenden. Hat man nicht die Möglichkeit, mit einem Stativ zu arbeiten, hilft der eingebaute optische Bildstabilisator.

Mein Setting besteht aus zwei alten Holzplatten, die mit Hilfe einer Styroporbox auf die Höhe des durchs Fenster von links einfallenden Tageslichts angehoben wurden. Dabei stehen sie nicht völlig orthogonal zum einfallenden Licht, sondern etwas schräg, damit das Licht von seitlich-hinten kommt. So scheint es durch Strukturen wie Salatblätter hindurch und lässt diese leuchten. Für die Mystic Light Photography habe ich meine sonst als Softbox fungierende Gardine zurückgezogen, hier darf das einfallende Licht nämlich durchaus etwas härter sein. Was uns zum nächsten Punkt, dem Licht, führt…

Licht

Das Licht, der wichtigste Faktor überhaupt - ohne Licht keine Fotos. Das Licht und seine Manipulation ist ein grundlegender Schlüssel zur Mystic Light Photography. Wann immer möglich, versuche ich, Food Photos nur bei natürlichem Tageslicht zu machen. Den optimalen Einfallswinkel von schräg hinten hatte ich oben beim Setting ja schon erwähnt, ebenso wie die Tatsache, dass für die von Hell-Dunkel-Kontrasten lebende Dark&Moody-Fotografie durchaus auch etwas härteres Licht erwünscht ist.

Nun soll es vor allem um die gezielte Lichtmanipulation mittels Reflektoren und Lichtabsorbern gehen. In der kommerziellen Food Photography versucht man, dunkle Schatten mit Hilfe von Reflektoren weitestgehend zu vermeiden - nicht so in der Chiaroscuro-Fotografie. Hier sind Schatten erwünscht und daher ist das oben gezeigte klassische Setting, mit Main-Light von links und Fill-Light von rechts, hier nicht optimal!

Hier zum Vergleich genau das gleiche Setting und die gleiche Kameraposition, allerdings wurde der weiße Reflektor rechts durch einen Lichtabsorber aus schwarzem Moosgummi ersetzt. Das Foto gewinnt sofort an Tiefe und Stimmung.

Nun kann man zusätzlich noch einen weiteren Lichtabsorber auf der Seite aufstellen, von der das Hauptlicht einfällt, in unserem Fall also links. Dabei muss man allerdings behutsam vorgehen, damit man nicht die komplette Speise abschattet, sondern nur selektiv den Hintergrund. Das erreicht man durch Vor- und Zurückschieben des Lichtabsorbers - hier muss man etwas probieren, bis es perfekt passt, denn jedes Set ist unterschiedlich. Auf dem Beispielfoto oben sieht man sehr schön, wie nun auch die Blechdose und der Teller im Hintergrund im Schatten liegen, auf dem Bagel ist aber trotzdem noch Licht.

Man muss übrigens nicht zwangsläufig ein Arsenal an professionellen Faltreflektoren anschaffen. Ein Stück weißes oder schwarz angesprühtes Styropor, Moosgummi oder feste Pappe tun es ebenso gut.

Hier noch einmal alle drei Varianten in einem GIF zusammengefasst - mit weißem Reflektor, mit schwarzem Absorber, mit zwei schwarzen Absorbern:

Bildbearbeitung

Auch bei der Bildbearbeitung geht man etwas anders als gewohnt vor, um den gewünschten Dark&Moody-Effekt zu erzielen.

Grundsätzlich sollte man immer im RAW-Dateiformat fotografieren, damit man bei der Bearbeitung noch alle Möglichkeiten hat und das Maximum aus den Bildern herausholen kann, ohne einen Qualitätsverlust in Kauf nehmen zu müssen.

Bei Mystic-Light-Shootings belichte ich die Bilder im Hinblick auf die Bearbeitung leicht unter - bei RAW-Fotos kann man bei Bedarf immer noch einige Details aus dunklen Bereichen wiederholen, aber weiß überbelichtete, ausgebrannte Bildbereiche lassen sich auch in RAW nicht mehr retten. Außerdem wollen wir für unseren Hintergrund ja ohnehin eine schattige und düstere Atmosphäre.

Was dagegen nicht schattig und düster sein sollte: das Essen. Oft wird Mystic Light Photography damit verwechselt, seine Fotos einfach chronisch unterzubelichten. Aber wir wollen ja einen Hell- Dunkel-Kontrast, die Speise soll appetitlich leuchten und nicht so aussehen, als wäre sie zusammen mit dem Teller ebenfalls schon 40 Jahre auf dem Dachboden gestanden!

Daher arbeite ich am liebsten ganz selektiv mit dem Korrekturpinsel in Lightroom: Belichtung, bei Bedarf gerne auch Sättigung und Wärme, werden etwas hochgestellt und damit „bürsten“ wir dann Licht und Farbe über unser Essen. Mit dieser Lichtmalerei lassen sich fast surreale dramatische Effekte erzielen, die das Essen perfekt in den Vordergrund stellen.

Ein weiterer Mystic-Light-Trick: Eine dunkle Vignette kommt fast immer gut. Sie erzeugt zusätzlich Drama und lenkt den Blick auf das Wesentliche, das Gericht.

Wer auch vor einer etwas auffälligeren Bearbeitung nicht zurückschreckt, kann außerdem Folgendes probieren: Eine Teiltonung, das heißt, man färbt die Tiefen selektiv eher bläulich-kühl ein und die Höhen gelblich-warm. So erreicht man einen düsteren Hintergrund, ohne dem helleren Essen seine Farbe und seine Wärme zu nehmen, und verstärkt den Kontrast.

Allerdings gilt bei der Bearbeitung, wie auch sonst: Nicht zu viel des Guten tun. Das Essen sollte schon noch in Bezug zu seiner Umgebung stehen und nicht so aussehen, als wäre es aus einem Ufo auf den Tisch in der italienischen Trattoria gefallen.

Zusammengefasst sollte man also mit rustikalen Accessoires, einem lebendigen Foodstyling, einer gezielten Manipulation von Licht und Schatten und einer Bearbeitung, die Kontraste verstärkt, schon einen netten Mystic-Light-Effekt erzielen.

Wie in allen kreativen Disziplinen gilt allerdings, es gibt keine wirklichen Regeln. Jeder hat andere Vorstellungen und meist führen mehrere Wege zum Ziel. Dieser Artikel soll also nur als Anregung dienen, selbst zu experimentieren und die Food Fotografie durch den Mystic-Light-Stil vielleicht noch einmal neu für sich zu entdecken. Viel Freude dabei!

Über den Autor: Vera Wohlleben

In ihrem Blog „Nicest Things“ berichtet Vera Wohlleben nicht nur über leckere Rezepte und attraktive Dekorationen fürs eigene Heim. Die Heidelbergerin bietet auch regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen und beschreibt ausführlich, wie ihre wunderschönen Fotos entstehen. Unser Lesetipp: http://www.nicestthings.com/2014/03/blogging-tips-and-tricks-behind-scenes.html

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